Was mein Kirschbaum mich lehrt

01.06.2026

Wenn ich – so wie jetzt – im Garten unter unserem Kirschbaum sitze, stelle ich ihm oft die Frage: Was kannst du mich lehren?

Was hat er mir schon geantwortet, was hat er mir gezeigt – ganz unmittelbar und an"schau"lich?

Günstige Bedingungen

Zu allererst hat er mich gelehrt, wie aus einem schwächlichen Sorgenkind durch einen neuen Start in besserer Erde und mehr Platz für die Wurzeln – im Zusammenspiel mit Sonne, Wind, Wasser, Insekten, Vögeln,... – ein mehr als stattlicher Baum werden kann, der uns jedes Jahr aufs Neue reich beschenkt mit süßen prallen Kirschen, die uns mittlerweile schon in den Mund reinwachsen, so weit reichen die Äste und so sehr biegen sie sich unter der Last der Früchte! Doch eines hat es neben all den günstigen Voraussetzungen noch gebraucht und das ist der Faktor, den wir oft entgegen besseren Wissens, vergessen: Zeit.

So hat er mal angefangen....
So hat er mal angefangen....

Es braucht Zeit, um gefestigt und stabil zu werden. Manchmal braucht es jahrelange – manchmal sogar eine jahrzehntelange Vorbereitung, bis ein Baum zum ersten Mal Früchte trägt. Vielleicht braucht er zum Festigen unterirdische Verbindungen zu anderen Bäumen, mit Sicherheit Raum für Wurzeln und günstige Bedingungen.

Wie können wir für uns und unsere Kinder diesen Raum, diese günstigen Bedingungen schaffen? Was ist der richtige Standort, das Grundwasser, die Sonne, der Wind, der Regen für uns? Was lässt uns gedeihen, schenkt uns Kraft und Gesundheit, so dass jeder seine Frucht hervorbringen kann?

Loslassen

Heute Morgen saß ich mit meiner Tasse Kaffee direkt unter dem Kirschbaum, der berstend voll hängt mit noch unreifen grünen Früchten und fast wäre mir eine Kirsche auf den Kopf gefallen. Ich sah, dass da schon etliche Kirschen auf dem Boden lagen, die der Baum abgeworfen hatte.

Welche Lektion willst du mir erteilen, mein treuer Freund? Warum wirfst du einen Teil deiner Früchte ab? Sie werden dir wohl zu viel und du verzichtest lieber auf welche, statt dich als Ganzes schwächen zu lassen, nehme ich an.

Wie oft habe ich das schon zu spüren bekommen! Dass auch an sich gute Dinge – egal ob es die wöchentlichen Sporteinheiten, Feste, Projekte, Gelegenheiten oder Ideen sind – in der Summe zu viel werden können. Da ist es dann nötig, stehen zu bleiben oder sogar einen Schritt zurückzutreten und zu spüren: Was kann ich loslassen? Was darf gehen, weil es vielleicht noch nicht dran ist oder nie meines war oder über meine Kräft geht.

So lehrt mich mein Kirschbaum, immer wieder in mich hinein zu spüren, ob ich mich nicht gerade überfordere und er lehrt mich, dass nicht alle Ideen, die ich habe, auch von mir und wenn schon von mir, dann auch nicht unbedingt sofort umgesetzt werden müssen. Um gesund zu bleiben und meine anderen "Früchte" nicht zu gefährden, dürfen es nicht zu viele Dinge auf einmal sein, denen ich meine Zeit und Energie schenke.

In der Mitte stabil, außen flexibel

Gerade so, als würde mir mein Kirschbaum sagen wollen "Hey Tina, du hast da noch was vergessen!", zog gerade ein kleiner Gewitter-Sturm über unser Dorf hinweg und der Wind peitschte und zerrte wie wild an den Ästen unseres Baumes. Doch eines blieb dabei immer unbewegt: Die Mitte des Baumes, der Stamm: Tief verankert im Boden, weit verwurzelt und stabil steht er da, als würde es ihn nicht kümmern, dass seine Äste gerade hin und her gewirbelt werden und sich so manches Blatt und so manche Frucht nicht mehr am Baum halten kann.

Wie sehr wünsche ich mir und uns diese innere Ruhe, diese Stabilität, die es uns überhaupt erst ermöglicht, nach außen hin flexibel zu bleiben. Was bedeutet es, flexibel zu bleiben, aber im Inneren fest?

Für mich bedeutet der stabile Stamm, mir meiner eigenen Werte bewusst zu sein, also dem, wonach ich mein Leben ausrichten möchte und so gut es geht, danach zu leben. Mir immer wieder Zeit zu nehmen für Pausen und Erholung, aber auch für neue Ausrichtung. Es bedeutet, den Kontakt zu suchen mit der Quelle allen Lebens, mit Gott und mit der Natur in uns und um uns. Zu spüren, dass Gott für mich sorgt und ich vertrauen darf, dass es das Leben gut mit mir meint.

Und was ist mit den flexiblen Ästen? Das ist für mich die Fähigkeit, mich immer wieder anzupassen an sich verändernde Bedingungen im Außen: Der Sport war vielleicht eine Zeitlang gut, aber jetzt brauche ich eine andere Form der Bewegung? Meine Kinder werden älter, vielleicht brauchen sie jetzt mehr Freiheit und weniger Fürsorge als früher? Womöglich hatte ich jahrelang ein Vorurteil gegen eine Gruppe von Menschen oder einen bestimmten Mitmenschen und werde plötzlich eines Besseren belehrt,… Immer wieder gilt es, zu justieren, zu korrigieren, zu revidieren – aber immer im Einklang mit den inneren Werten oder noch besser – in der Verbindung mit Gott.

Und wenn das nicht geschieht?

Wenn wir befürchten, dass unser "Stamm" einen "Sturm" in Form von Erfahrungen, die unsere Sicht der Dinge erschüttern, nicht überleben würde, machen wir uns oft steif. Wir werden unbeweglich, wir wehren uns dagegen, zu vertrauen, dass alles gut geht. Und wie bei einem Baum wäre der Schaden unendlich viel höher, würden die Äste im Wind nicht nachgeben. Leid entsteht. Wir leiden, weil wir eine Sache nicht wahrhaben wollen, weil wir uns nicht im Stande fühlen, etwas an unserer Situation zu ändern. Aber auch hier lässt uns das Leben nicht im Stich: Denn ist es nicht oft so, dass eben dieses Leid uns schmervoll erinnert: "Besinne dich wieder auf deine innere Mitte, auf deinen Stamm, auf die Quelle deiner Kraft und das, was dich ausmacht."?

Und die gute Nachricht ist, dass wir das immer und zu jeder Zeit tun können und dann, wenn wir wieder in unserer Mitte sind, sind wir automatisch offener und großzügiger und voller Vertrauen in das Leben.

Alles hat seine Zeit

Jedes Jahr kann ich an meinem Kirschbaum beobachten, wie das Jahr voranschreitet. Wenn nach einem langen Winter endlich wieder die Blätter sprießen, die scheinbar nur auf den richtigen Augenblick gewartet haben, wenn er dann zu blühen beginnt: Erst hier und da mal eine Blüte, bis dann der ganze Baum mit weißen Puscheln bedeckt ist und man einfach nur noch denken kann: "Prächtig". 

Und wie es dann ein paar Wochen lang welke Blütenblätter regnet, bis, scheinbar aus dem Nichts, der ganze Baum voll hängt mit kleinen grünen Früchten, die innerhalb von ein paar Wochen zu saftigen roten Kirschen heranwachsen. Und wie schließlich die unerreichbaren Kirschen weit oben faulen und vertrocknen. Wie die Blätter im September schon langsam ihr saftiges Grün verlieren, um dann allmählich ihre wunderschöne bunte Herbstfärbung anzunehmen (was für ein passender Ausdruck: Sie "nehmen" die Färbung "an"). Ja und dann kommt der Winter und mein Kirschbaum wirft nach und nach fast sein ganzes Blattwerk ab. Nur noch ein paar vereinzelte braune Blätter glitzern dann vom morgendlichen Raureif überzogen in der Morgensonne. Jetzt kommt die kahle Zeit, manchmal auch noch die schneebedeckte Zeit, bis im Frühjahr wieder die ersten hellgrünen Blätter sprießen.

Wie viele und große innere und äußere Veränderungen an und in diesem Baum in nur einem Jahr geschehen, fasziniert mich. Auch diese Wiederholung, dass es immer im Zyklus eines Jahres auf ähnliche Weise geschieht, fasziniert mich. Wie viele Geheimisse greifen hier ineinander, um diese Wandlungen hervorzubringen? Inwieweit lässt der Baum einfach geschehen oder ist aktiv an den Prozessen beteiligt? Ich weiß das nicht, aber eines wird mir mehr als deutlich:

Wie sollte es anders sein, als dass die Jahreszeiten auch auf uns Menschen einen großen Einfluss haben? Im Sommer feiern wir gerne Feste und knüpfen neue Verbindungen – alles ist voller Lebendigkeit und Lebensfreude. Im Herbst machen wir Spaziergänge, bewundern die Farben der Blätter, sammeln Kastanien, freuen uns an der Ernte, essen Kürbissuppe und denken vielleicht über den vergangenen Sommer oder den bevorstehenden Winter nach. Im Winter führen wir lange Gespräche, zünden Kerzen an, probieren uns durch das Teesortiment und singen Weihnachtslieder – wir ziehen uns zurück, um zur Ruhe zu kommen, uns zu besinnen auf das, was ist und was sein soll. In der Faschingszeit bekommen wir vielleicht Lust, mal etwas Verrücktes zu machen, spielerisch etwas Neues auszuprobieren – voller Vorfreude auf den bevorstehenden Frühling, der uns dann jedes Jahr aufs Neue mit seiner Blütenpracht in Atem hält und uns inspiriert, neue Ideen und Projekte auf die Welt zu bringen.

So weit die Wunschvorstellung. Allzu oft bringt uns aber das, was im Außen geschieht, weg von dem, was gerade an der Zeit wäre: Das Telefon steht nicht still, wir müssen eine Deadline einhalten, wir werden durch bürokratische oder sonstige Hürden ausgebremst, wir können nicht an andere andocken, weil diese in den Untiefen ihres Handys, ihrer Bubbles, ihrer Ängste versunken sind oder wir selbst es sind.

Also: Nehmen wir uns Zeit, halten wir inne und fragen uns: Was ist gerade dran? Welche Jahreszeit ist gerade? In welcher Phase meines Lebens bin ich gerade? Was will aus der inneren Ruhe heraus entstehen? Ist es eine Zeit der Erholung, der Innenschau oder ist es an der Zeit, auf eine Welle aufzuspringen und sich etwas Neues zu trauen?

Was es auch ist: Wenn wir es im Einklang mit dem Leben tun, ist es gut.

Werden und Vergehen

Doch auch im Großen gibt es diese Zyklen, dieses Werden und Vergehen: Unsere äußere Form verändert sich unaufhörlich, wir werden älter, erst größer, stärker und fruchtbarer, dann wieder kleiner und schwächer und eines Tages stirbt unsere äußere Form und wird zur Erde, auf der vielleicht eines Tages ein wunderschöner Kirschbaum wachsen kann.

Gerade hier merke ich, dass du mir, lieber Kirschbaum, um einiges voraus bist: Im Akzeptieren des Sterbens und des Todes als Teil dieses wunderbaren Kreislaufes des Lebens, dem man sich ohne Angst hingeben kann im Wissen um die Wiedergeburt. Und auch wenn sich die Form immer wieder wandelt, bedeutet der Tod eben nicht das Ende, sondern ein Übergang in etwas ganz Neues, das wir dann wiederum annehmen und verkörpern dürfen.

Aber es ist auch in Ordnung, dass es oft ein ganzes Leben und viele durchlebte Zyklen braucht, bis deine Lehren in meinem Leben fruchtbar werden. Ich nehme mir nur vor, jedes Mal ein bisschen von deinem Sein in mein Sein aufzunehmen und bin gespannt, was du mir noch zeigen wirst.

Fazit: Ich bin (wie) du

Lieber Baum,

du lehrst mich die Schönheit und Wahrheit, die in den Grundprinzipien des Daseins liegen und sich durch alles ziehen, was Natur ist. Im Kleinen, Winzigen, kaum Sichtbaren genauso wie im Großen und sogar im Universellen:

Wie du brauche ich günstige Bedingungen, um wachsen zu können und Früchte zu bringen.

Wie du lerne ich mit der Zeit, mich von Dingen zu trennen, die mir zu viel werden und mit dem zufrieden zu sein, was ich halten kann.

Wie du bin ich auch ich eingebunden in den Kreislauf des Jahres, aber auch in den Kreislauf des Lebens. Ich darf mich wie du einklinken in dieses natürliche Wachsen und Vergehen im Kleinen wie im Großen und darauf vertrauen, dass es so gut und richtig ist, wie es ist. Dass ICH gut und richtig bin, wie ich bin.

Danke, dass es dich gibt und du mich daran erinnerst:

Ich bin wie du – ich bin Natur.

Und so sieht er 10 Jahre später aus...
Und so sieht er 10 Jahre später aus...


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