Gedanken zur aktuellen Zeit

24.02.2026

Das Jahr hat schon volle Fahrt aufgenommen und manchmal weiß ich gar nicht, wie mir geschieht. Gerade gibt es so Vieles im Außen, das irgendwie verdaut werden will.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich fühle mich manchmal regelrecht hin und her gerissen zwischen scheinbar völlig konträren Wahrheiten, sodass ich am Ende erstmal gar nichts mehr weiß.

Ein Beispiel: Ich halte es einerseits für richtig, mich nicht über Dinge aufzuregen, die ich nicht ändern kann und mich stattdessen auf die Dinge zu konzentrieren, auf die ich Einfluss habe: Mich selbst, meine Familie, mein direktes Umfeld. Andererseits halte ich es auch nicht für richtig, den ganzen hässlichen Dreck, der schon seit Jahren und in den letzten Wochen immer mehr und deutlicher an die Oberfläche steigt, einfach zu ignorieren, als wäre er nicht da. Also treibt mich die Frage um: Wie gehe ich um mit all dem, was um mich herum geschieht und behalte dabei meine körperliche und geistige Gesundheit? Ich will euch daran teilhaben lassen, was ich bisher herausgefunden habe:

In diesen Zeiten, in denen richtig und falsch auf den Kopf gestellt wird, in denen man nicht mehr einfach so glauben kann, was man auf Bildern, in den Nachrichten und in den sozialen Medien sieht oder hört, ist man aufgefordert, zu lernen, mit Ungewissheiten zu leben. Was wir bisher über die Welt geglaubt haben, fällt in großen Teilen wie ein Kartenhaus in sich zusammen und das gefällt den wenigsten von uns: Wir Menschen leben nicht gerne mit Unsicherheiten und unklaren Antworten. Im Gegenteil, wir möchten vorhersagen, vorausplanen, kontrollieren und uns absichern. Eines meiner Lieblingszitate von Volker Pispers passt auch dazu: "Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur." Aber so einfach ist das eben nicht. Denn das, was wir als Böse bezeichnen ist in den meisten Fällen – so grauenerregend es sein mag – "nur" ein Symptom eines ungesunden Systems[1]. Und genau deshalb kann es auch nicht einfach ausgemerzt werden, indem man die Falschen oder "Bösen", also die machthabenden Menschen oder Parteien austauscht durch die Richtigen oder die "Guten".

Was aber dann? Was können wir tun? Wie etwas ändern? Ich glaube, hier kommt es jetzt wieder sehr auf unsere Motivation an: Warum wollen wir etwas ändern? Aus Angst vor einer ungewissen Zukunft, um uns von dem Elend abzulenken, um die Situation durch Aktionismus doch wieder unter Kontrolle zu bringen? Nach meinem Gefühl entstehen aus solchen Motivationen heraus eher Handlungen, die wieder genau jene Strukturen stärken, die die Welt überhaupt erst in diese Situation geführt haben.

Ich befürchte daher, dass kein Weg daran vorbeiführt, diesen Schmerz darüber, was wir Menschen bewusst oder unbewusst einander und der Natur angetan haben und jeden Tag antun, zu fühlen. Damit meine ich nicht, sich darin zu suhlen, um dann in die totale Verzweiflung zu stürzen, aber so lange wir das verdrängen und von uns wegschieben[2], leugnen wir einen Teil von uns selbst und sind auf gewisse Weise innerlich zerrissen. Erst wenn wir uns trauen, hinzuschauen und hinzuspüren, können wir uns auch wieder spüren, können wir wieder ganz werden und uns öffnen für eine neue Geschichte. Wir können wieder kreativ sein und unsere Gaben, Ideen und uns selbst ganz einbringen, um die Welt nach einem neuen Verständnis der Verbundenheit untereinander und mit der Natur neu zu erschaffen. "Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!" (Offenbarung 21,5) – die Jahreslosung könnte mal wieder nicht passender sein!

Wobei ich an dieser Stelle einmal meine Sicht auf die Stellung des Menschen zur Natur teilen möchte: Für mich ist es nicht wahr, den Menschen als etwas von der Natur Getrenntes wahrzunehmen, der als Fremdkörper die Natur zerstört und gäbe es ihn nicht, wäre alles gut. Das gehört für mich wieder zur "alten" Geschichte. Vielmehr ist der Mensch selbst Natur und wenn er der Natur schadet, dann schadet er ebenso sich selbst und dem Ökosystem, dessen Teil er ist. Das sollte meiner Meinung nach auch die treibende Feder hinter Natur- und Umweltschutz sein und gleichzeitig eine Alternative zu Panikmache und Selbsthass: Wir besinnen uns auf unsere ursprüngliche Bestimmung als Bewahrer der Schöpfung (das schließt uns selbst mit ein!). Wir bewahren die Natur aus Liebe zu ihr, aus Freude an ihrer Schönheit, weil wir es satt sind, auf Beton zu schauen und Abgase einzuatmen, weil wir das Zwitschern der Vögel lieben und das Summen der Bienen, das Rauschen des Windes und das Prasseln des Regens. Und unsere Aufgabe? Singen, leben, es einfach nur bemerken und wertschätzen, es bewahren (oder eben neu anlegen und pflanzen, wenn es zerstört wurde) und uns daran erfreuen.

In diesen Zeiten ist die Gefahr sehr groß, dass wir uns machtlos und hilflos fühlen angesichts so vieler Undinge, die wir zwar sehen, aber auf die wir scheinbar keinen Einfluss haben. Man könnte denken "Was bringt es schon, wenn ich versuche, freundlich zu meinen Mitmenschen zu sein?" "Was hilft es der Natur, wenn ich heute mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahre?" "Was nützt es der Welt, wenn ich daran arbeite, alte Wunden zu heilen und meine Stimme wieder zu finden?" "Was nützt es der Welt, wenn ich meinen Garten pflege und einen Kuchen backe?"

Meine Antwort: Sehr viel! Unendlich viel! Es können sich nicht nur destruktive Denkweisen wie ein Lauffeuer verbreiten – dasselbe gilt auch für hoffnungsvolle, friedvolle, liebevolle Sicht-, Denk- und Lebensweisen! Wir können uns gegenseitig anstecken mit Freude und Zuversicht und uns gegenseitig daran erinnern, wer wir sind und was wir brauchen: Wir sehnen uns nach Gemeinschaft mit anderen, gemeinsam zu singen, zu lachen, zu essen, an einem Projekt zu arbeiten, uns nach getaner Arbeit auszuruhen…

Es klingt so simpel, aber das macht es nicht weniger wahr: Es sind die einfachen Dinge, die uns nähren und glücklich machen.

Wie schön, dass sich der Frühling schon langsam bahnbricht und es uns nach einem langen Winter leichter macht, uns genau darauf zu besinnen.

Alles Liebe für dich

Tina


[1] Wer sich für eine sehr gute und fundierte Analyse der ungesunden Strukturen, die unsere jetzige Welt geformt haben und Ideen zu Alternativen interessiert, dem seien die Bücher Die Renaissance der Menschheit oder Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich von Charles Eisenstein ans Herz gelegt.

[2] Und auch übermäßiger Nachrichtenkonsum kann uns in Wirklichkeit ablenken von dem Schmerz, auch wenn es inhaltlich genau darum geht.